Öffentliche Übergabe des Denkmals "Die Säule der Gefangenen" am 31. Oktober 2000

Auf Spurensuche:
Ein nationalsozialistisches Konzentrationslager in Berlin-Steglitz zeigt uns seine Konturen
Notwendige Einführung in Geschichte und Topographie des Außenlagers Berlin-Lichterfelde, Wismarer Straße 26 bis 36

Als die Nationalsozialisten, mit deutlicher Stimmenmehrheit, durch die damalige Steglitzer Bevölkerung per demokratische Wahllegitimation 1933 an die Macht gelangten, war eine ihrer ersten Handlungen die Errichtung von Konzentrationslagern (KZs). Den dort inhaftierten Menschen drohten Erniedrigung, Qualen und/oder der Tod durch die dort Machtausübenden. Entweder wurde dieser Tod aus sadistischer Mordlust oder planmäßig herbeigeführt. Für beides gibt es Belege in Überzahl. In der Nähe Berlins, am Ortsrand von Oranienburg gelegen, stand das KZ Sachsenhausen. Allein diesem unterstanden im Verlaufe seiner Existenz (1936-1945) insgesamt 67 Außenlager.

Darunter befand sich auch das in Berlin-Lichterfelde, Wismarer Straße 26-36.



Lageplan des Lagers vom 20.08.1942, zusätzliche Einzeichnungen unmaßstäblich
 

Dieses Außenlager gliederte sich in drei Bereiche: 

  1. Der Verwaltungsbereich.

  2. Er war an der Wismarer Straße gelegen und bestand aus zwei Baracken. In der einen war die "Tauinspektion der Waffen-SS und Polizei Reich Nord (Stabskompanie)" untergebracht. Sie koordinierte vermutlich die Bauvorhaben der SS, später die Wiederherstellung von durch Bomben zerstörten SS-Gebäuden und den dazu erforderlichen Häftlingseinsatz. Die zweite Baracke diente als Unterkunft für die SS-Bewachung des KZ. 
  3. Der SS-Bauhof

  4. Er lag parallel zum damaligen Leibstandartenweg, dem heutigen Ortlerweg und war nur für die dort wohnenden SS-Angehörigen einsehbar. Auf ihm befanden sich eine große Materialbaracke und diverse kleiner Baracken, wie z.B. Garagen und Werkstätten. Ein Schild an der Wismarer Straße Ecke Leibstandartenweg wies Lieferanten den Weg zu diesem SS-Bauhof.
  5. Das Konzentrationslager selbst

  6. Zwei parallel zueinander gestellte Baracken nahmen die Häftlinge auf, die zum weitaus größten Teil am Tage in ganz Berlin unter SS-Bewachung in verschiedenen Einrichtungen der SS, aber auch in privaten Betrieben, wie der Zehlendorfer Spinnstoff-Fabrik, oder bei der Forschungsstelle der Reichspost in Kleinmachnow Zwangsarbeit leisten mußten. Das KZ-Areal, durch elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und Schilfmatten von der Teltowkanalseite, dem heutigen Spazier- und Joggingweg, gegen Einsichtnahme abgeschirmt, wurde begrenzt durch die fast quadratisch Küchenbaracke, die auch für die SS im Verwaltungsbereich das Essen zubereitete. In der zweiten Ausbauphase wurden nochmals in Erweiterung der schon vorhandenen Baracken wieder zwei parallel verlaufende und eine das Areal dann quer abschließende Baracke zu der auch damals schon existierenden Kleingartenkolonie errichtet. 
War das Lager am Anfang seiner Fertigstellung (23.06.1942) für ca. 800 KZ Häftlinge geplant, so wurde es ab März 1943 um drei Baracken erweitert, so daß bis zu 1500 Häftlinge in ihm gefangengehalten werden konnten und von der SS für ihre Zwecke ausgebeutet wurden. In dieses Außenlager wurden meist Häftlinge mit guten handwerklichen Fähigkeiten vom KZ-Stammlager Sachsenhausen überstellt. Insofern stellt dieses Lager gegenüber anderen Außenlagern eine Besonderheit dar. Hier war die SS an guten Arbeitsergebnissen in den Arbeitskommandos interessiert, der deutsche Facharbeiter kämpfte ja an allen Fronten für "Führer, Volk und Vaterland", und somit waren die Haftbedingungen in diesem Lager günstiger.

Dennoch, und das muß betont werden, ein KZ blieb es doch, denn wer sich als Häftling dem Zwangs- und Ausbeutungssystem der SS verweigerte, mußte auch mit seiner Ermordung rechnen. 

Dies geschah in diesem Lager am 22. August 1944 gegen 18.30 Uhr. Vor den Augen aller angetretenen Häftlinge wurde Wilhelm Nowak, 22jährig, wegen seines Fluchtversuches aus der Zehlendorfer Spinnstoff-Fabrik nicht erhängt, was unter KZ-Verhältnissen schon fast als "normal" galt, sondern mittels eines Würgegalgens qualvoll erdrosselt. 

Am 21. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in diesen Bereich, wurden die Häftlinge zum KZ Sachsenhausen transportiert und von dort zum Todesmarsch in Richtung Ostsee gezwungen. Die SS hatte ihre Verbringung auf Schiffe geplant, die dann mit den Häftlingen versenkt werden sollten.

Nach Kriegsende diente das nun verlassene Lager verschiedenen Zwecken. Zeitzeugen berichten von Rotarmisten, die vor dem Lagereingang Wache standen. Welche Funktion es zu dieser Zeit hatte, ist nicht bekannt. Bekannt ist, wiederum durch Zeitzeugenberichte, daß die US-Armee bei Übernahme des Bezirks Steglitz von der Roten Armee dort ein Kriegsgefangenenlager einrichtete.

Nach Auflösung desselben diente es als Jugendhof, d.h. hier wurden heimat- und elternlose deutsche Kinder untergebracht und betreut. Anschließend, etwa 1948/49, übernahm eine Baustoffirma das Gelände. Nach Weggang dieses Unternehmens wurden Baustoffe als sogenannte "Senatsreserve" dort gelagert.
 
 
Dieses SS-Foto des Außenlagers Berlin-Lichterfelde in der Wismarer Straße zeigt die beiden ersten Häftlingsbaracken, in der Mitte die Häftlingsküche.
Dahinter, links und rechts sind bereits die ab März 1943 zusätzlich errichteten Häftlingsbaracken erkennbar.
Ganz links außen ist eine Baracke des SS-Bauhofes zu sehen.
Parallel zu dieser ist noch eine Baracke zu erkennen.
Die Häuser im Hintergrund sind die SS-Häuser des damaligen Leibstandartenweges.
Quelle: Archiv Sachsenhausen, Nachlaß Rudolf Wunderlich

Die Ausgrabungsgeschichte dieses Lagers
Für mich als historisch Interessierten begann ab März 1998 die intensive Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus und KZ Sachsenhausen. Für die dortige Gedenkstätte bearbeite ich seit dieser Zeit die Prozeßakten (60 Bände, durchschnittlich 150 Seiten je Band) des Sorge/Schubert-Prozesses (Gustav Sorge und Wilhelm Schubert, KZ-Aufseher in Sachsenhausen, Sorge auch 1942 Lagerführer in der Wismarer Straße, beide angeklagt des 11.000-fachen Mordes der vor dem Landgericht in Bonn von 1958/59 stattfand. In vielen damalige Zeugenaussagen von ehemaligen KZ-Häftlingen tauchte die Bemerkung auf: "Ich arbeitete im Außenlager Lichterfelde". Als Einwohner von Lichterfeld und Bearbeiter dieser Informationen wollte ich natürlich wissen, wo dieses Gelände denn sei. Meine Anfrage beim Kulturamt unseres Bezirkes hatte zur Folge, daß man mir einen Ortstermin vorschlug. Anhand des einzig existierende Fotos von diesem KZ versuchten wir uns vor Ort vorzustellen, wo denn nun die einzelnen Baracken auf diesem Gelände gestanden haben könnten.

Bei dieser Ortsbesichtigung stellten wir fest, daß aufgrund von Ausgrabungsarbeiten, die das Landesdenkmalamt bereits 1997 durchgeführt hatte, noch einig Barackenfundamentreste vorhanden waren. Auch ein Splittergraben war offensichtlich freigelegt worden. 


Hier sind die freigelegten Fundamentreste einer Häftlingsbaracke im hinteren Teil Lagers zu sehen. 


 

Diese "Entdeckungen", die wir vor Ort gemacht hatten, ließen mich nun nicht mehr ruhen, nun war mein "Forscherdrang" geweckt. Es folgte ein Anruf beim Stadtplanungsamt Steglitz, ob denn Unterlagen vorhanden seien. Umgehend erhielt ich dieselben. Ein zufällig bei der Abholung der Unterlagen anwesender freundlicher Herr erklärte mir, daß er nach 1945 die Baracken noch gesehen und in ihnen als Erzieher des Jugendhofes gearbeitet habe. Durch seine Vermittlung kam ich mit einem anderen Zeitzeugen ins Gespräch.

Beide Gesprächspartner erwiesen sich als gute Beobachter der damaligen Zeit und haben neben einigen anderen Zeitzeugen mir wertvolle Hinweise über das damalige Lager geben können. Natürlich war ich in der Zwischenzeit oft auf dem Gelände, fotografierte dort und fand dabei in einer Grube diverse verrostete Gegenstände, so u.a. eine Nähmaschine, Essenkübelteile und Teile von Türschlössern.

Bekannt war mir, daß auf dem Gelände eine Wohnsiedlung geplant und deren Baubeginn auf das Frühjahr 1999 festgelegt war. Der letzte Schnee war gerade geschmolzen. Wieder war ich auf dem Gelände und stellte den ersten Bauwagen und mit ihm einige Bauarbeiter fest. Es wurde Ernst, die geplante Siedlung warf ihre Schatten voraus. Kurze Vorstellung bei den Bauarbeitern mit der Bitte, mich mit dem Verantwortlichen bekanntzumachen. Dies war schnell geschehen, und ich hatte noch mehr Glück, nicht nur Verständnis für meinen Aufenthalt auf diesem Gelände zu erhalten, sondern auch Interesse an den vorgetragenen historischen Fakten über das ehemalige KZ-Lager.

Ich bat sie, bei den nun notwendigen Ausschachtungsarbeiten auf Gegenstände aus dieser Zeit zu achten. Schnell hatte sich eine interessierte Gruppe von Bauleuten um mich versammelt. In den nächsten Tagen erschien ich mit kopierten SS-Unterlagen, und die anwesenden Bauarbeiter hörten sich die Geschichte dieses Außenlagers aufmerksam an und betrachteten die mitgebrachten fotokopierten Dokumente mit großem Interesse.

Ein glücklicher Umstand war es, daß dieses Gelände auf Munitionsfunde untersucht werden sollte. Die dabei anwesenden Munitionsberger erklärten sich sofort bereit, bei anfallendem Bodenaushub auf Fundgegenstände zu achten, diese aufzubewahren und mich umgehend zu verständigen. Durch die Vorprüfung des Bodenaushubes wurde der Sand nicht sofort abgefahren, sondern erst auf evtl. vorhandene Munitionsreste sorgfältig untersucht. Grobe Teile gingen zusätzlich über einen Schüttelrost. Damit waren die Chancen, etwas zu finden, ungleich größer als bei sofortiger Massenabfuhr des Bodenaushubes.

Nun ging es Schlag auf Schlag.

Erste telefonische Meldung: "Wir haben Stahlhelme gefunden". Dem folgte wie zugesagt, die unmittelbare Besichtigung der Fundgegenstände. Wo nun hin mit diesen Gegenständen ?

Kurzes Telefonat mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins Steglitz und seine Zusage, daß Abholung und Lagerung der Fundgegenstände im Heimatmuseum möglich sei.


Hier laden der Vorsitzende des Heimatvereins Steglitz und einer der Munitionsberger die geborgenen Stahlhelme in das Auto.


 

Jeder Fund, ob englischer Stahlhelm (?!), Teller, Untertassen mit dem Signet "Waffen-SS", Bombensplitter von Größenordnungen 30 x 70 cm, Stacheldraht mit Isolatoren, Nachtgeschirr, Bierflaschen usw., erhärtete die Tatsache der Existenz von der Ausgrabungsseite dieses Lagers her, warf aber auch viele Fragen auf.

Zum Beispiel: Wie kommt ein englischer Stahlhelm auf dieses Gelände ? Die Auffindung eines sowjetischen oder amerikanischen Stahlhelms wäre durch die Besetzung dieses Areals durch die Rote Armee bzw. die US-Armee erklärbar gewesen, aber ein englischer Helm ?

Des Rätsels Lösung: Die deutsche Verwaltung vor 1945 verwendete englische Beutestahlhelme z. B. für Luftschutzhelfer. Aber was hat das mit dem KZ zu tun?

Erklärung: Die KZ-Häftlinge Höfer und Wunderlich beschreiben in ihren Häftlingserinnerungen die Bildung einer Häftlingsfeuerwehr im Lager und auch deren Einsatz innerhalb und außerhalb desselben. Eine Verwendung des englischen Stahlhelms bei solchen Einsätzen wäre also möglich gewesen. Dann hieß es wieder, Essenkübel gefunden. Prüfung. Sie könnten von der Häftlingsküche stammen oder aber auch aus der Zeit des Jugendhofes?

Nun begann für mich die Suche nach noch lebenden ehemaligen Häftlingen des Lagers. Ein ehemaliger österreichischer Häftling mußte seine Mitarbeit infolge hohen Alters und kritischsten Gesundheitszustandes absagen. Weitersuchen, weiterfragen. Dann bekam ich den Hinweis, in Holland lebe ein ehemaliger Häftling. Anruf bei ihm. ja, er sei vom November 1943 bis zur Evakuierung im April 1945 in Lichterfelde gewesen. Er erzählte mir, daß auch er auf Befehl der SS an der Hinrichtung seines Kameraden Wilhelm Nowak teilnehmen mußte. Spontan wird von ihm seine Mitarbeit zugesagt. Ob er uns bei der Identifizierung und Zuordnung der Fundstücke helfen kann?
 
 
Hier ist die breite Palette der Fundgegenstände erkennbar: (v.l.n.r.)
Essenkübel, Feuerwehrschlauchanschlüsse, ein Nachttopf, Untertassen "Waffen-SS", gestapelte Stahlhelme, zuoberst der englische, eine große Milchkanne, diverse Bombensplitter,Flaschen (u.a. mit der Aufschrift: Roland-Drogerie, Groß-Lichterfelde und Paul Wagner, Berlin) und Feuerlöscher

Krönung der Fundgegenstände:
Eine fast vollständige SS-Akte des dem KZ übergeordneten SS-Bauhofes mit Materialempfangs- und -ausgabescheinen. Diese belegen zum einen die Existenz des Bauhofes und zeigen auf, was alles bestellt und an die KZ-Bautrupps an Materialien ausgegeben wurde. Aufgeführt waren u.a.: Lichtmasten, Ofenrohre, Aktenordner, Gips, Zement, Glaswolle, Schamottemehl, Nägel. 

Kontakte mit der Gedenkstätte Sachsenhausen über diese Funde wurden hergestellt. Es geht ja auch um die Restaurierung und richtige historische Zuordnung dieser geborgenen Gegenstände. Mindestens einmal in der Woche war ich nun auf der Baustelle, hatte meinen "eigenen" Arbeitsschutzhelm und dokumentierte per Foto und Video das Baugeschehen, aber auch alle Fundgegenstände. So findet sich auch Stacheldraht mit Isolatoren, ein Beweis, daß der Lagerzaun elektrisch geladen war.

Meiner Bitte dem Landesdenkmalamt gegen über, mir doch Ausgrabungsbefunde und damals angefertigte Fotos der Ausgrabungsstelle zu überlassen, wurde unbürokratisch schnell nachgekommen. Die Bauarbeiten sind fast abgeschlossen. Die Neubauten werden künftig das Gesicht dieses Areals bestimmen.

Es gilt nun zu überlegen, was mit dem Wissen um diesen schrecklichen Ort und seinen letzten Geheimnissen, die er freigab, geschehen soll.


Dieses Foto ist auch bereits Geschichte. Die Wohnhäuser sind bereits fertig.


Zum Schluß möchte ich den vielen unbekannten Bauarbeitern, den Munitionsbergern Herrn Krüger und Herrn Geißler, den beiden verantwortlichen Polier Herrn Berndt und Herrn Ribbeck für ihr Engagement und ihre überaus hilfreiche Unterstützung meinen herzlichen Dank sagen.

Ohne ihre Mithilfe wäre nicht geschehen, die Fundgegenstände wären unwiederbringlich verloren! 

An weiteren Meldungen von Zeitzeugen und Berichten und falls vorhanden, Unterlagen aus dieser Zeit, bin ich für weitere Studien sehr interessiert. 

Klaus Leutner

Dieser Bericht wurde dem Mitteilungsblatt des Heimatverein für den Bezirk Steglitz "Steglitzer Heimat" (1. Ausgabe 2000) entnommen.