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„Ich mach’ mir die Berufswelt, wie sie mir gefällt.“

- 15. November 2015 von Sandy Bossier-Steuerwald

Eine Mompreneurin und das Pippilotta-Prinzip

Nina Massek (41) hat Neue Deutsche Literatur und Medien und Amerikanistik in Marburg studiert, bevor sie mit ihrem Mann Benedikt nach Berlin ging. Die Beiden sind seit 20 Jahren ein Paar und haben zwei Kinder, Constanze (4) und Sebastian (9). Wir haben Nina in ihrem Haus im Schlachtensee Kiez interviewt und sie als facettenreiche Autorin, Unternehmerin und Mutter kennengelernt.

Nina Massek ProfilAuch durch das Kameraobjektiv hat sie viele Gesichter. Am besten gefällt uns, wenn sie lacht, dann kommt das Kind in ihr zum Vorschein, mit haselnussbraunen Augen und hüpfenden Sommersprossen.
(Text und Fotos von Sandy Bossier-Steuerwald)

Du bist in Kalifornien geboren, in Mainz aufgewachsen, hast in Frankreich, Kanada und Schweden gelebt. Was bedeutet Heimat für Dich?

Lange hatte ich in Berlin keine Wurzeln geschlagen und die Mentalität ist schon anders hier, ein „anderer Schnack als in Mainz“, wie man auf norddeutsch sagt. Seit ich in Zehlendorf lebe, insbesondere in diesem Haus, haben mein Mann und ich das Gefühl, Wurzeln geschlagen zu haben. Wir haben feste und tiefe Freundschaften entwickelt. Zehlendorf hat ein bisschen Dorfcharakter und das ist etwas sehr Schönes. Es ist ähnlich wie da, wo ich aufgewachsen bin: Mit viel grün, draußen sein und Freunden auf der Straße spielen. Vielleicht fühle ich mich deswegen so wohl und heimisch. Ich fühle mich als Zehlendorferin, weiß aber nicht, ob ich eine Berlinerin geworden bin. Ich sage immer aus Spaß „In Zehlendorf kann ich gerne sterben“.

Zehlendorfschild und Kinderschuhe

Wie erinnerst Du Dich an Deine Kindheit und wie hat sie Dich geprägt?

Ich habe zwar Halbgeschwister, bin aber als Einzelkind aufgewachsen. Bei uns daheim war es immer ruhiger als jetzt mit meinen Kindern, die sich ständig streiten. Ich bin stolz, dass ich das jetzt wuppe, diese vierköpfige Familie. In meiner Kindheit sind wir viel gereist, das hat mich sehr geprägt. Wir haben unter Anderem in Paris gelebt, in der Nähe von Versailles und ich erinnere mich lebhaft an Frankreich: Wir waren immer im Spiegelsaal und in den Schlafzimmern im Schloss, das hat mich schon als Siebenjährige beeindruckt! Auch heute kommt manchmal die Frage auf, ob wir wieder ins Ausland gehen sollen, aber ich möchte im Moment hier in Zehlendorf meine „Pflanzen“ wachsen sehen.

Mit Laptop vor dem Haus

Dein Sohn Sebastian ist jetzt neun Jahre alt, in knapp sechs Jahren könnte er schon flügge werden und selbst ins Ausland wollen. Wie fühlst Du Dich bei diesem Gedanken?

Das finde ich gut, denn ich selbst habe viele Dinge im Ausland gelernt. Vielleicht könnte Sebastian als Kompromiss nach England gehen, nicht ganz so weit weg, dann können wir ihn besser besuchen. Mein Mann hat von seinem fünften bis 12. Lebensjahr auch in England gelebt, ist somit praktisch als Brite sozialisiert und das ist sehr prägend. Ich selber war drei Monate auf einem Schüleraustausch in Kanada, das war ganz seltsam, es gab viele Konflikte, aber das werde ich auch nie vergessen, diese Konflikte in der Fremdsprache zu lösen… Und bis 2010 lebten wir für drei Jahre in Stockholm, das möchte ich auch nicht missen. Es war eine tolle Zeit in einer tollen Stadt und als wir ein Äquivalent hier suchten, einen Bezirk in Berlin, der Stockholm sehr ähnlich ist, mit viel Wasser und so, haben wir Zehlendorf gefunden!

Im Treppenhaus mit Blick in Wohnsiedlung

Auf Deinem Blog findet man nur wenig zu Deinem Mann Benedikt. Welche Rolle spielt er in Eurer Familie?

Ja, in meinem Blog kommt Benedikt nicht oft vor, der Fokus liegt klar auf meinen Kindern. Aber in meinem ersten Buch, das jetzt herauskommt, veräpple ich ihn auf 280 Seiten. Es ginge auch gar nicht, ihn ganz raus zu lassen. Bei meiner Arbeit muss die Familie dahinter stehen und mich unterstützen. Mein Mann ist auch Journalist und seit elf Jahren sind wir nun verheiratet! In unser Familienleben ist Benedikt sehr involviert, obwohl er total viel arbeitet. Er ist bei uns derjenige, der kocht, denn er macht das gerne und aufwendig, im Gegensatz zu mir! Manchmal mariniert mein Mann stundenlang Fleisch und Gemüse vor sich hin… Abends versuchen wir so oft es geht gemeinsam zu essen und er bringt auch die Kinder ins Bett. Als Ausgleich hat er das Gärtnern für sich entdeckt. Bei unseren Spaziergängen im Kiez gucken wir uns andere Gärten an, um Anregungen zu holen. Zehlendorfer sind sehr große Gärtner! Außerdem versuchen wir regelmäßig einen Babysitter zu haben und im letzten Urlaub hatten wir eine Kinderbetreuung inklusive. Da haben wir uns plötzlich auch mal wieder als Paar wahr genommen und über andere Themen als immer nur Haus und Kinder reden können.

Nina Massek Sommersprossen und haselnussbraune Augen

Am 16. November 2015 erscheint Dein erstes Buch zum Thema Flunkern im Erziehungsalltag. Wie auch Dein Blog titelt es “Eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs“, ist der Slogan auch eine Flunkerei?

Nein, der Slogan war sogar der Grund, warum ich überhaupt anfing zu bloggen. In der zweiten Elternzeit war ich gerade nach Zehlendorf gezogen und war viel alleine. Ich fand nicht gleich Anschluss, fühlte mich überfordert und dachte, ich komm hier nur raus, indem ich mich neben mich selbst stelle und über mich lache. Darüber entstand auch der Fokus über Dinge zu schreiben, die mich wahnsinnig machen. Ich glaube, bei mir gibt’s viele Situationen, in denen sich Andere wieder finden. Der größte Depp in meinen Geschichten bin ich selbst. Ich gebe keine Ratschläge und nehme mich selbst auch nicht ernst. Ich gebe keine heile Welt ab – bei uns wird sich gestritten. Wer das mag, ist bei mir gut bedient.

Notiz für Frau Mutter

Was war die peinlichste Situation mit Ihren Kindern, die Du nie vergessen wirst?

Nun ja, alles rund um das Thema Sex und Kinderkriegen ist ja der Klassiker, auch wenn die Kinder einen inflagranti erwischen. Ich bin wirklich kein prüder Mensch, aber mit den Kindern redet man bei dem Thema lange drum rum und wird schnell technisch, von wegen „Da gibt es den Eisprung usw.“ Und das ist ja eigentlich nicht das, was das Kind wissen will… Über dieses Thema wird dann auch mehr in meinem Buch berichtet. Insgesamt finde ich, dass Frauen in meinem Alter sehr offen sind, untereinander. Wir teilen unter Freundinnen unsere Zweifel und Überforderung, schließlich sitzen wir alle im gleichen Boot. In meinem Kreis wird nicht mehr viel um den heißen Brei geredet, das hat sicher mit Alter und fortgeschrittener Mutterschaft zu tun. Ich bin einfach lockerer geworden, je länger ich „den Job“ mache, kann Dinge eher zugeben.

Arbeitsutensilien im Wohnzimmer

Du hast in letzter Zeit viele Interviews gegeben. Gibt’s ein Thema, worüber Du bisher selten gesprochen hast, Dir aber besonders am Herzen liegt?

Gesamtgesellschaftlich finde ich das Thema „Mutter und Berufstätigkeit“ sehr wichtig, in meiner Bubble der Mompreneure (Anmerkung der Redaktion: selbstständige Mütter) drückt es bei allen Vorteilen der Selbständigkeit auch einen Mangel aus. Es geht um Fragen wie: Warum ist Selbständigkeit ein „Ausweg”? Wie arbeiten wir Mütter? Wie wertgeschätzt werden wir und unsere Arbeitskraft? Ist Teilzeit ein gutes Modell oder nur eine Phase? Nicht alle Männer sind Hauptverdiener und wollen das immer sein, wie passt sich die Arbeitswelt an? Deshalb müssen wir von diesem Mütter Mythos „morgens arbeiten und nachmittags Taxi“ wegkommen.

Vor der Haustür

Ich finde es gut, wenn es mehrere Vorbilder gibt, wie bei der schwedischen oder der französischen Mutter. In unserer Zeit in Stockholm habe ich eine andere Arbeitskultur kennen gelernt, in dem Sinne, dass nicht derjenige der bis 20 Uhr im Büro bleibt, der Tollste ist, sondern die Familie einen ganz anderen Stellenwert hat. Aufgrund der hohen Lebenserhaltungskosten müssen dort alle Vollzeit arbeiten und es herrscht wirklich Gleichberechtigung. In Schweden gibt’s Elternzeit schon seit den 70er Jahren, dass die Väter zuhause putzen, ist heute völlig normal. In Deutschland wird das wohl noch ein bisschen dauern… Ich habe für mich mit der Selbstständigkeit jedenfalls vieles lösen können. Als Mompreneur mach ich mir die Berufswelt, wie sie mir gefällt! Ich versuche es zumindest. Das klappt immer besser und dafür bin ich sehr dankbar.

Verwurzelt: Baum mit Augen

Auf ihrem eigenen Blog berichtet Nina Massek über den alltäglichen Wahnsinn als „Frau Mutter“, sie schreibt für den Tagesspiegel Zehlendorf Blog und den Brigitte MOM Blog. Am 16. November 2015 kommt ihr erstes Buch “Eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs: 20 wunderbare Flunkereien, die Eltern das Leben erleichtern“ (Goldmann Verlag, 2015) heraus.