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„love you 8 days a week“

- 4. Dezember 2015 von Sandy Bossier-Steuerwald

Ein Gespräch über Zeit, Kunst und Familie

Text und Fotos von Sandy Bossier-Steuerwaldneonschriftzug love you 8 days a week
In wenigen Wochen ist es soweit. Dennoch deuten nur vereinzelt Objekte auf den neuen Mitbewohner in der Jugendstilwohnung des Künstlerpaars Julia und Fiete Stolte in Zehlendorf hin – ein Stubenwagen aus geflochtenem Bast, ein vollbepackter Wickeltisch, ein Maxi Cosi Autositz. Julia´s Bauch hingegen ist nicht mehr zu übersehen. Sie trägt ein gestreiftes Stretchkleid und strahlt die selbstsichere Schönheit einer werdenden Mutter aus. Im geräumigen Atelier, ein Erkerzimmer, setzt sie sich an den neuen Korktisch, der als Ess- und Arbeitsplatz dient: „Es ist schön, sich Möbel anzuschaffen, denn bisher haben wir eher nomadisch gelebt.“ Sie nimmt ihrem Mann den koffeinfreien Cappuccino ab, die Zeitreise beginnt.
Am Korktisch

Fiete schafft die 8-Tage-Woche

Fiete wird 1979 in Berlin geboren und wächst am Winterfeldplatz auf. 2001 beginnt er sein Studium der Bildhauerei/Freie Kunst an der Kunsthochschule Weißensee. „Wenn ich sage Ich bin Bildhauer, dann fragen alle: Welches Material? Holz, Stein oder Metall? Meine Arbeit ist jedoch an kein Material, sondern an eine Herangehensweise gekoppelt. Daher trifft es konzeptueller Bildhauer vielleicht eher… Ich finde es spannend, wenn Gegensätze aufeinander treffen, wenn latente Ideen wie ein zeitliches Konstrukt mit einem anderen, wie dem, der Realität, kollidiert.“ Fiete reichen sieben Wochentage nicht aus und er schafft eine 8-Tage-Woche, indem er acht Mal 21 Stunden zu seinem Lebensrhythmus macht und zwei Jahre danach lebt.
fiete-am-rechner

Der Durchbruch in die Kunstszene

2007 reist Fiete für seine Diplomarbeit einmal um die Welt. Er fliegt von Berlin aus Richtung Osten und hält in sieben Tagen je acht Sonnenauf- und Sonnenuntergänge in 16 Polaroids fest. „Das war mein visuell, praktischer Beweis für meine veränderte Zeitstruktur, um die 8-Tage-Woche zu beweisen. Eine künstlerische Maßnahme, die mir einen Raum eröffnet hat, mit eigener Zeit umzugehen.“ Noch als Diplomand gelingt ihm mit dieser Abschlussarbeit der Durchbruch in die etablierte Kunstszene. Fiete verkauft an bedeutende Sammlungen national und international. An der Kunsthochschule Weißensee begegnet er Julia zum ersten Mal. Sie freunden sich an, aber ihre Zeit ist noch nicht reif.
Fiete Spiegelung in Teekanne

Von Zehlendorf über Paris nach Weißensee

Julia wird 1978 in Berlin geboren und wächst in Wilmersdorf und Zehlendorf auf. Mit Anfang 20 lebt sie zwei Jahre in Paris, wo sie am Theater Les Bouffes du Nord von Peter Brook arbeitet. Hier beginnt Julia auch das Studium der Theaterwissenschaft, was sie an der FU Berlin fortführt und durch Filmwissenschaft ergänzt. 2004 orientiert sie sich um und macht in sechs Jahren ihr Diplom in Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Weißensee.
Julia Stolte erzählt

In Marokko ergibt plötzlich alles einen Sinn

Gelangweilt durch die fehlende Praxis im Studium und gierig nach Abenteuer, fährt sie mit einer Freundin für vier Monate nach Marokko. In Marrakesch leiten sie zusammen einen Stickworkshop mit muslimischen Stickerinnen. „Auf einmal war das alles so fassbar und lebendig! Ich habe sortiert, geräumt und nummeriert, eigentlich so typisch deutsch. Plötzlich habe ich die ganzen Produktionsschritte, die ich bis dato nur aus der Theorie kannte, am eigenen Leib erlebt und konnte mein Studium praktisch begreifen. Das war sehr befriedigend für mich. Ich konnte Strukturen schaffen, die den Frauen auch tatsächlich genutzt haben.“
Abschlussarbeit Julia Stolte

Bó Hamsa, Haute Couture der Teppichlabels

Auf einer Reise nach Rabat lernt die junge Textildesignerin zwei deutsche Unternehmer der Teppichweberei Paulig kennen. Noch in den Produktionsstätten beschließen die Paulig Brüder Julias Diplom zu begleiten. „Ich bin jemand, ich mache ständig Flecken, ich hinterlasse ständig Spuren…“ sagt Julia und kreiert für ihre Abschlussarbeit einen Luxusseidenteppich mit den lebendigen Spuren eines Gulasch- Rotweinfiaskos mit Freunden. Er wird in Handarbeit in Nepal, Knoten für Knoten, fair geknüpft und auf der Domotexmesse an ABC Home, ein New Yorker Designkaufhaus der Upperclass, verkauft. 2011 gründet die frisch diplomierte Designerin ihr eigenes Teppichlabel Bó Hamsa in Hamburg. Sie bringt mehrere Kollektionen mit einem etablierten, persischen Teppichhändler auf den Markt und verkauft u. A. nach Hollywood, Mailand und Beirut an ausgewählte Einzelhändler. Das Label hält sich 18 Monate bis sich die Wege der beiden Geschäftspartner trennen, zu unterschiedlich die Prioritäten.
Julia-Fiete-Stolte

„Alle Rollen haben sich schnell gefunden“

Anfang 2014 packt Julia das Heimweh. Sie kehrt Hamburg den Rücken und kommt zurück nach Berlin. Fiete holt sie mit dem Fahrrad vom Zentralen Omnibusbahnhof ab. Julia erinnert sich noch genau an diese Nacht: „Ich hatte so eine fette Reisetasche dabei und die rutschte ständig vom Gepäckträger…“ In den folgenden Monaten entwirft Julia Teppiche für andere Teppichlabels und unterstützt Fiete bei seinem Werk Eye für die nahende Kunstmesse ABC 2014. „Wir haben einen Sommer lang Gin Tonics getrunken, gekocht und philosophiert. Fiete war in der Werkstatt und stellte mir ständig neue Ideen vor. Wir bauten und entwickelten, ich strukturierte Atelier und Archiv.“ Beide lachen. „Alle Rollen haben sich schnell gefunden.“
Holztiere erwarten das Kind

Kein Kindergeschrei, noch nicht.

Es wird langsam kälter, in diesen letzten Tagen des Jahres. In den mit Kondenswasser angelaufenen Doppelglasfenster erkennt man schummerig die reflektierenden Lichter der Autos, fast wie die Arbeit von von Fiete Don´t sleep yet, bei der er in einer Polaroidserie die Projektionen von Sonnenlicht durch verschiedene Fenster ins Innere eines Ateliers festhielt. Es ist ruhig in der Wohnung. Keine Musik, kein Kindergeschrei, fast Stille. Nur von der Straße das wiederkehrende Bremsgeräusch der Busse, die in der Nähe Fahrgäste aufnehmen und ausspucken, dieser akustische Rhythmus, schon jetzt stetiger Begleiter im Hause Stolte.
Fiete Portrait mit Stubenwagen im Hintergrund

Ein strahlendes Versprechen aus Neon

Als der zweite Cappuccino getrunken ist, machen Fiete und Julia es sich auf der neuen Couch im Wohnzimmer bequem, welches durch eine Flügeltür Wohnraum und Atelier verbindet. An- und Abwesenheit, Arbeiten und Entspannen, flexibel gestaltbar. Über dem breiten Türrahmen des Wohnzimmers leuchtet ein bläulicher Neonschriftzug love you 8 days a week. „Ich habe eine ganze Serie Neons auf Grundlage der 8-Tage-Woche entwickelt,“ erklärt Fiete. „Alles Unikate, die jetzt in ganz unterschiedlichen Sammlungen leuchten.“ Love you 8 days a week ist ein im Raum festgehaltenes, strahlendes Versprechen für Julia. Im Frühsommer 2015 heiraten sie. Ihre Zeit ist reif.
Ein strahlendes Paar

„Unser Kind ist das größte Kunstwerk“

Julia ist jetzt im zehnten Monat schwanger. Mutterschutz ein Fremdwort, Kunst allgegenwärtig. Das Wichtigste neben der Kunst ist für das junge Ehepaar die Familie und Liebe. Fiete muss länger nach Worten suchen, was die größte Herausforderung im kommenden Jahr für ihn sein könnte. „Wir gestalten unser Leben zu zweit jetzt so, dass die Kunst einen bedeutenden Platz hat und so soll es auch zu dritt sein. Unser Kind ist konkurrenzlos das größte Kunstwerk, was sich unweigerlich an erster Stelle platziert.“ Er betont die Autonomie der eigenen Zeiteinteilung, die sie auch künftig zu Dritt so autark wie möglich gestalten wollen. Das Paar kann sich beispielsweise gut vorstellen eines Tages eine Künstler Residency, einen Künstleraufenthalt im Ausland, zu machen. „Mal gucken, in welche Zeiteinheiten unser Kind den Tag teilt, aber wir werden ein eigenes, flexibles Modell finden, wie die 8-Tage-Woche.“
Stillleben Hotel Absenve von Fiete Stolte

Ihre Zeit ist reif, endlich.

Diese grundlegende Verschiebung von zwei zu drei Polen, wird für Fiete neue Fragen aufwerfen. Und jede Antwort, jedes seiner Produkte, das zwangsläufig beeinflusst von den neuen, unregelmäßigen Schlafzyklen entsteht, wird wiederum neue Hinterfragungen seines Systems mit sich bringen. Die Zukunft als Familie, die ihnen bevorsteht, ist für das junge Ehepaar nur logische Konsequenz des bisher Erlebten, ihres Zeitsystems. „Ich bin der Meinung, ein Kind sucht sich seine Eltern aus,“ sagt Julia. Ihre Zeit ist reif, endlich. Das Kind wird kommen. Vielleicht am errechneten Geburtstermin. Vielleicht aber auch am 32.12.2015.

 

Stolte Umschlag Hotel AbsenceFiete Stolte „Hotel Absence“
 Mit Texten von Konrad Bitterli, Hans Ulrich Obrist, Laura Schleussner und Noemi Smolik
. Kunstverein Göttingen, Sieveking Verlag

Fiete Stolte präsentiert den Katalog „Hotel Absence“ bei Helga Maria Klosterfelde Edition, am Samstag, den 5. Dezember 2015 in der Potsdamer Straße 97, von 15 bis 18 Uhr. Gäste willkommen!